Historisches Hofheim am Taunus
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Dr. Walter Weber - erster Landrat nach dem demokratischen Neubeginn im Main-Taunus-Kreis


Dieter Reuschling


Es ist recht ungewöhnlich, dass ein Kommunalpolitiker als Bürgermeister von seiner Stadt zum Ehrenbürger ernannt und eine Straße nach ihm benannt wurde, er aber in dem Landkreis, dessen Landrat er - wenn auch nur für kurze Zeit - gewesen ist, kaum noch bekannt ist. Die Rede ist von Dr. Walter Weber, der von 1920 bis 1933 Bürgermeister der Stadt Oberlahnstein war, und der nach dem Ende des zweiten Weltkrieges von 1945 bis 1946 der erste Landrat des Main-Taunus-Kreises wurde. Natürlich hängt das mit seiner durch ein tragisches Schicksal verursachten kurzen Amtszeit im Main-Taunus-Kreis zusammen. Aber trotzdem lohnt es sich, seine Biographie hier für den Main-Taunus-Kreis nachzuzeichnen.

Lebensweg bis 1920
Walter Weber hat seinen Lebensweg im Rhein Main-Gebiet begonnen. Als Walter Jakob Karl Maria Weber wurde er am 13. Oktober 1886 in Frankfurt geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Andreas Weber und sein Ehefrau Anna Elisabetha, geb. Walter. Seine Eltern und lange auch er wohnten in der Mainzer Landstraße in Frankfurt. Am Goethe-Gymnasium bestand er 1906 die Reifeprüfung. Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Jurastudiums an den Universitäten Freiburg, München, Berlin und Marburg wurde er 1910 zum Referendar ernannt. Sein Assessor-Examen bestand er 1915. Nach heutigem Sprachgebrauch war er also Volljurist. Er promovierte außerdem 1916 an der Universität Greifswald zum Dr. jur.. Er war kurze Zeit Gerichtsassessor am Amtsgericht Höchst, danach bis Juli 1918 bei der Notar- und Anwaltskanzlei Hilf in Höchst tätig. Den Weg zur Kommunalpolitik fand er, als er danach zum Magistratsassessor der damals noch selbstständigen Stadt Höchst ernannt wurde. Von dort aus bewarb er sich 1920 für das Bürgermeisteramt der Stadt Oberlahnstein an der Mündung der Lahn in den Rhein und wurde hier im Alter von 33 Jahren am 7. Juni 1920 zum Bürgermeister ernannt.


Dr. Walter Weber (* 1886, + 1966) (Bildquelle: Main Taunus-Kreis)

Bürgermeister von Oberlahnstein
Walter Weber muss bei seiner Kandidatur für das Bürgermeisteramt klar gewesen sein, dass er als Stadtoberhaupt in der Nachkriegszeit des verlorenen Ersten Weltkrieges große Probleme zu lösen hatte. Seine Aufgabe wurde noch dadurch erschwert, dass Oberlahnstein als Teil des „Koblenzer Brückenkopfes” zur linksrheinischen französischen Besatzungszone gehörte und bei vielen Entscheidungen die französische Militärregierung in Koblenz das letzte Wort hatte. Verwaltungsmäßig gehörte Oberlahnstein damals zur preußischen Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden und dort zum Landkreis St. Goarshausen. Als Folge des Zweiten Weltkrieges wurde es 1945 eine Kommune des Landes Rheinland-Pfalz.

Walter Weber hat in den persönlichen Erinnerungen an seine Amtszeit in Oberlahnstein, die er auf Wunsch der Stadt 1962 verfasst hat, ausführlich über die Krisen berichtet, die er besonders am Beginn seiner Amtszeit zu bewältigen hatte, u. a. über die Inflationszeit. Wie andere Kommunen und Landkreise hat er Notgeld drucken lassen, um bei dem von Tag zu Tag wachsenden Verfall der Mark als Stadt überhaupt noch handlungsfähig zu bleiben. Um den Haushalt der Stadt annähernd im Griff zu behalten, mussten in der Kämmerei Nachtschichten eingelegt werden, um den rasanten Währungsverfall im Jahr der Hyperinflation 1923 nachzuvollziehen. Walter Weber fand aber auch kreative Lösungen. Er hatte für die Stadt noch rechtzeitig Devisen für Notfälle erworben. So konnte er mit holländischen Gulden eine ganze Schiffsladung englischer Kohle kaufen, um den Hausbrand der Bevölkerung Oberlahnsteins sicherzustellen.

Ausführlich schildert Walter Weber auch seine Auseinandersetzungen mit den so genannten Separatisten. Nach der Niederlage des Kaiserreiches 1918 gab es starke Bestrebungen, die linksrheinischen Gebiete des Reiches, aber auch die von Frankreich besetzten Kreise Groß-Gerau, Main-Taunus und St. Goarshausen, als „Rheinische Republik“ vom preußisch dominierten Reich abzuspalten. Mit diesen Bestrebungen sympathisierte natürlich auch die französische Besatzungsmacht, denn Frankreich hatte Interesse an einem Pufferstaat gegenüber dem Deutschen Reich. Schon im Juni 1919 rief ein Anführer dieser Bewegung, Hans Adam Dorten, in Wiesbaden die Rheinische Republik aus. Der Versuch scheiterte aber am Widerstand der Verwaltung und der Bevölkerung. Im Krisenjahr 1923 mit Inflation und Ruhrbesetzung durch Frankreich gab es dann einen erneuten Umsturzversuch der Bewegung, die sich in der Zwischenzeit, lokal auch bewaffnet, organisiert hatte. Sie versuchte jetzt, die politische Macht von den Gemeinden ausgehend zu übernehmen, was ihnen z. B. im Oktober 1923 in Flörsheim, im November 1923 Hochheim auch gelang. Walter Weber stellt überzeugend dar, dass er dies in Oberlahnstein verhinderte, trotz Bedrohung mit Waffengewalt. Dabei konnte er seine Kontakte zum französischen Innendienst der alliierten Rheinlandkommission in Koblenz nutzen, wobei ihm zu Gute kam, dass er die französische Sprache beherrschte. In ähnlicher Weise gelang es ihm auch, die Machtübernahme der Separatisten im Landratsamt des Kreises St. Goarshausen zu verhindern. Am Ende des Jahres 1923 brach die Separatistenbewegung dann endgültig zusammen.

Um die enorm hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, wurde von der Reichsregierung das Instrument der „produktiven Erwerbslosenfürsorge” geschaffen. Dabei übernahm die Regierung die Lohnkosten für die bisher Erwerbslosen, die Kommunen mussten aber die Materialkosten übernehmen. Walter Weber ließ auf diese Weise auch viele Wege in Oberlahnstein ausbauen. Er nutzte diese Förderung durch das Reich aber auch dazu, um eine Reihe von Wohnungsbauten ausführen und 1927 die Straßenbrücke über die Lahn zwischen Ober- und Niederlahnstein erneuern zu lassen. Auch dieses Beispiel zeigt, dass er in diesen Notzeiten kreative, unbürokratische Lösungen gefunden hat, um für seine Stadt und ihre Bevölkerung das Bestmögliche zu erreichen. Walter Weber war aber auch regional und überregional aktiv. Er setzte sich für die Lahnkanalisation und die Nutzung der Wasserkraft ein. Er arbeitete in mehreren kommunalen Gremien mit, u. a. im Gesamtvorstand des Reichsstädtebundes und im Vorstand des Nassauischen Städtetages.

Nach 12-jähriger Amtszeit wurde Walter Weber 1932 von der Stadtverordnetenversammlung Oberlahnsteins für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Gegen ihn stimmten die Vertreter der NSDAP, die damals schon im Stadtparlament vertreten waren. Nach seinen eigenen Angaben in einem Fragebogen der amerikanischen Militärregierung 1945 war Walter Weber vor 1933 Mitglied der Zentrumspartei. Sein Verhalten als Stadtoberhaupt gegenüber den Nazis muss aber auch dazu geführt haben, dass sie ihn als ihren Gegner betrachtet haben, den sie nach ihrer Machtübernahme nicht mehr in seinem Amt dulden konnten. Im August 1933 teilte der NS-Regierungspräsident von Wiesbaden ihm mit, dass er den Preußischen Minister des Innern, damals Hermann Göring, aufgefordert habe, ihn gemäß des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 als Bürgermeister zu entlassen.

Die vom Regierungspräsidenten angegebenen Gründe waren äußerst fadenscheinig: Er habe 1932 in Oberlahnstein eine Sammlung der „Roten Hilfe“, einer KPD-Organisation zur Unterstützung verfolgter Genossen, genehmigt. Außerdem habe er 1931 einen Umzug der KPD in Oberlahnstein genehmigt, bei dem ein Transparent mitgeführt wurde, das Adolf Hitler „in schändlichster Weise” verunglimpfte. Es war natürlich abwegig, einem Mitglied des Zentrums die Unterstützung der KPD zu unterstellen.

Bei dieser Entlassung kann es auch schon eine Beziehung zum Main-Taunus-Kreis gegeben haben. Seit 1932 war hier der Kreisleiter der NSDAP Dr. Franz Brunnträger. Er war Chemiker und Angestellter der Farbwerke Höchst. Nach der Amtsenthebung des SPD-Landrates Wilhelm Apel im Februar 1933 hätte er eigentlich sein Nachfolger als Landrat werden können. Die Gauleitung der NSDAP entschied sich aber für einen erprobten Verwaltungsmann, der ihr nahe stand, den früheren Oberbürgermeister der damals noch selbstständigen Stadt Höchst, Dr. Ernst Janke. Brunnträger wurde aber, vermutlich zum Ausgleich für das nicht gewonnene Amt im Main-Taunus-Kreis, ab 1. Mai 1933 Kreisleiter der NSDAP im Landkreis St. Goarshausen und danach Landrat dieses Kreises. Er hatte also nach den Spielregeln des NS-Regimes unmittelbar Einfluss auf die Besetzung der Bürgermeisterämter in seinem Kreis. Dass er davon bei Walter Weber keinen Gebrauch gemacht hat, ist eher unwahrscheinlich.

Als Verfolgter des Nazi-Regimes im „Exil“ in Hofheim
Am 15. November 1933 wurde Walter Weber dann auf Weisung des preußischen Innenministers in den Ruhestand versetzt. Aus welchem Grund er danach von Oberlahnstein nach Hofheim im Main-Taunus-Kreis gezogen ist, ist nicht bekannt. Er wohnte dort von 1934 bis zu seinem Tod 1966 in der Marxheimer Straße (heute Rheingaustraße) oberhalb des Hofheimer Bahnhofs. In Hofheim kann er Franz Brunnträger wieder begegnet sein. Der wurde nämlich ab Juni 1939 der Nachfolger von Ernst Janke als Landrat des Main-Taunus-Kreises. Anfang des Jahres 1939 hatte der Kreis mit Vermittlung des Hofheimer Bürgermeisters Oskar Meyrer die Villa der jüdischen Privatiere Emma Kopp im Roedersteinweg als repräsentative Dienstvilla - in bester Hofheimer Wohnlage am Kapellenberg - für den neuen Landrat erworben. Frau Kopp musste - sicher nicht ohne Druck – in ein gemietetes Haus in der Kurhausstraße umziehen. Ob sich Weber und Brunnträger in den Folgejahren in Hofheim begegnet sind, ist nicht nachprüfbar.

Belegt ist aber, dass Walter Weber von der NSDAP in Hofheim als potentieller Regimegegner weiterhin überwacht wurde. Im November 1937 schrieb der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Oberlahnstein an seinen Kollegen der Ortsgruppe Hofheim, um zu erfahren, was Weber dort treibt und bittet ihn, seine Tätigkeit einige Zeit zu beobachten. Die Antwort des Hofheimer Ortsgruppenleiters ist nicht bekannt. Im Januar 1941 gab der NSDAP-Kreisleiter des Main-Taunus-Kreises auf einem vorgedruckten Formular eine politische Beurteilung über Walter Weber ab, die an den NSDAP-Gauleiter für Hessen-Nassau gerichtet war. Darin heißt es u. a., dass seine Spenden an die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und an das WHW (Winterhilfswerk) sehr dürftig seien und dass er sehr verschlossen und politisch unzuverlässig sei. Der für ihn zuständige Blockleiter habe ihn „wegen der Anbringung der Fahne” mehrfach ermahnen müssen. Im Oktober 1941 teilte die NSDAP-Kreisleitung von St. Goarshausen der Ortsgruppe Hofheim u. a. mit, dass für die Entlassung Walter Webers als Bürgermeister seine Stellung zu kirchlichen Kreisen und sein Verkehr mit Juden sowie sein wankelmütiger Charakter maßgebend gewesen seien. Die Vorgänge zeigen, wie umfassend und tiefgreifend das Überwachungssystem der NSDAP funktionierte. Über eine Überwachung Walter Webers durch die Geheime Staatspolizei (GeStapo) ist nichts bekannt.

Bei Hofheim drängt sich der Vergleich der beiden Bürgermeister auf, der von Oberlahnstein und der von Hofheim. Beide waren 1920 gewählt worden und hatten ihre Städte mit Erfolg durch die äußerst schwierige Zeit der Weimarer Republik geführt. Oskar Meyrer von Hofheim hat sich am Ende mit den Nazis arrangiert, ja sogar offen mit ihnen sympathisiert. Er blieb bis zu seinem Tod im August 1942 im Amt. Walter Weber von Oberlahnstein hat offensichtlich aus seiner Ablehnung der Nazis keinen Hehl gemacht und wurde 1933 aus seinem Amt entlassen. Beiden gemeinsam ist aber, dass sie nach 1945 von demokratisch gewählten Stadtverordnetenversammlungen wegen ihrer Verdienste in der Zeit der Weimarer Republik mit einem Straßennamen geehrt wurden: In Oberlahnstein gibt es die Dr. Weber-Straße, in Hofheim die Oskar-Meyrer-Straße.

Landrat des Main-Taunus-Kreises
Nach der Eroberung des Rhein-Main-Gebietes durch die Amerikaner Ende März/Anfang April 1945 und vor dem endgültigen Zusammenbruch des Nazi-Regimes am 8. Mai 1945 war es für die Militärregierung in der amerikanischen Besatzungszone notwendig, möglichst schnell eine funktionierende Verwaltung aufzubauen und an ihre Spitzen erfahrene Beamte zu setzen, die als Gegner der Nazis ausgewiesen waren. So wurde Walter Weber schon am 12. April 1945 durch den Captain Frank S. Percy der amerikanischen Militärregierung zum Landrat des Main-Taunus-Kreises ernannt. Am 27. März 1945, kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Hofheim, hatte sein Vorgänger, Landrat Franz Brunnträger, seine Dienstvilla in Hofheim fluchtartig verlassen und seinem Bürodirektor Breitkreuz im Kreishaus in Höchst - handschriftlich auf einem Briefumschlag alle Amtsvollmachten übertragen. Es erscheint wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass die Amerikaner nur 16 Tage später Walter Weber zu seinem Nachfolger ernannten, an dessen Vertreibung aus dem Amt des Bürgermeisters von Oberlahnstein Brunnträger 1933 beteiligt war.

Walter Webers Arbeit als Landrat stand unter schwierigen Randbedingungen. Es gab ja noch keinen gewählten Kreistag oder Kreisausschuss wie heute. Die meisten Entscheidungen musste er in alleiniger Verantwortung treffen. Die erste Kreistagwahl nach dem Krieg fand am 28. April 1946 statt. Schon vorher, am 2. April 1946, war Walter Weber schwerwiegend erkrankt. Zu seinem Stellvertreter war Heinrich Weiss (SPD) aus Hofheim-Marxheim bestimmt worden. Er war vor der Auflösung des Kreistags 1933 schon Kreistagsabgeordneter gewesen, wurde wegen der Auflösung der Gewerkschaften durch die Nazis 1933 als Gewerkschaftssekretär entlassen und bis 1944 als verdächtiger Gegner mehrfach verhaftet. Bei der ersten Landtagswahl am 1. Dezember 1946 wurde er der direkt gewählte Abgeordnete für den Main-Taunus-Kreis.

Ernennungsurkunde der amerikanischen Militärregierung (HHStAW Abt.656, Nr. 736)

Uber die kurze Amtszeit Walter Webers ist relativ wenig berichtet worden. Die amerikanische Militärregierung hatte alle Zeitungen verboten und neue Lizenzen nur langsam vergeben, besonders bei der Lokalpresse. Zum Beispiel erschienen das Höchster Kreisblatt oder die Hofheimer Zeitung erst wieder ab Mitte 1949. Um die Mitteilungen der Behörden an die Bevölkerung zu verbreiten, gab der Kreis auf seine Initiative hin, natürlich mit Genehmigung der Militärregierung, ab April 1946 einmal wöchentlich den „Main-Taunus-Anzeiger“ heraus, in dem auch Mitteilungen der Kreisgemeinden erschienen. Sein hier abgedrucktes Geleitwort ist in der ersten Ausgabe am 6. April 1946 erschienen, nachdem er schon erkrankt war.

Vorwort Dr. Walter Webers zur 1. Ausgabe des Main-Taunus-Anzeigers (Nr. 1/1946, Hofheim, 6. April 1946)
Im Vordergrund seiner Arbeit stand natürlich die Bewältigung der Kriegsfolgen für die Kreisbevölkerung, d. h. die Versorgung mit Lebensmitteln, die Schaffung von Wohnraum, die Wiedereingliederung der Kriegsheimkehrer, Evakuierten und Vertriebenen und Vieles mehr. Er konnte dabei auf seine Erfahrungen als Stadtoberhaupt von Oberlahnstein nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zurückgreifen. Eine außergewöhnliche Aufgabe war auch für Walter Weber die Aufnahme der Vertriebenen im Kreisgebiet. Die ersten Transporte aus dem Sudetenland trafen hier im März 1946 ein, zusammen mehr als 900 Personen. Bis Ende des Jahres sollten es mehr als 8.600 Personen werden, mehr als 10 % der damaligen Kreisbevölkerung. Auf heutige Bevölkerungszahlen übertragen müsste der Kreis dann innerhalb von 10 Monaten mehr als 22.000 Flüchtlinge aufnehmen. Walter Weber richtete deshalb am 5. März 1946 einen dringenden Aufruf an die Bevölkerung und alle Gemeindeverwaltungen, alles zu tun, um die schier unlösbar erscheinende Aufgabe der Unterbringung und Versorgung der Heimatvertriebenen zu bewältigen.

Auch die demokratischen Strukturen im Kreis mussten nach zwölf Jahren Diktatur neu organisiert werden. Die letzte halbwegs demokratische Kommunalwahl hatte am 12, März 1933 stattgefunden. Eine seiner Sonderaufgaben war es, im Auftrag der „Alliierten Kontrollbehörde” für den Kreis, in Hofheim ein Kreisgefängnis einzurichten, im Altbau des heutigen Stadtmuseums. Dort wurden die von der Militärregierung Verhafteten oder von einem Militärgericht Verurteilten eingesperrt, die gegen Vorschriften der Besatzungsmacht verstoßen hatten, z. B. durch illegalen Waffenbesitz. Es wurden aber auch ehemals führende Nazis inhaftiert wie z. B. der bis 1945 amtierende NS-Bürgermeister von Hofheim, Georg Kaufmann.

Wie schon als Bürgermeister von Oberlahnstein arbeitete Walter Weber schon bald auch aktiv in überregionalen Gremien mit. Am 12. Dezember 1945 fand eine Konferenz der Landräte des von den Amerikanern neu gebildeten Landes Großhessen, später Hessen genannt, in Wiesbaden statt. Dabei referierte er zum Thema „Anregung zu einer neuen Kreisordnung”, da es damals noch keine Kreisordnung für Hessen gab. Die Textfassung dieses Referates ist erhalten geblieben. Seine grundsätzlichen Forderungen waren, dass jeder nationalsozialistische Einfluss beseitigt werden muss, dass die Förderung des Allgemeinwohls das Ziel jeder Reform sein und dem sozialen Gedanken Rechnung getragen werden muss und dass eine starke und leistungsfähige Selbstverwaltung das Ergebnis des Neuaufbaus sein soll. Dazu setzte er sich für die Beibehaltung eines „Zweikammersystems“ ein, bestehend aus Kreisausschuss und Kreistag, damit eine verstärkte Mitarbeit der Kreisbevölkerung erreicht werden kann. Er forderte aber auch eine effektivere Verwaltung in den Gemeinden des Kreises, die wohl nur durch Zusammenschlüsse erreichbar waren. Sicher war diese Forderung durch seine Erfahrungen als Landrat geprägt. Zu dieser Zeit gab es im Main-Taunus-Kreis 46 selbständige Gemeinden, z. T. Minigemeinden wie Wildsachsen mit rund 400 Einwohnern, die von nebenamtlichen Bürgermeistern verwaltet wurden. Dass sich auf dieser Basis im Kreis keine leistungsfähige Verwaltung aufbauen ließ, ist offensichtlich.


Verleihung der Ehrenbürgerurkunde der Stadt Oberlahnstein am 30. Mai 1962 Rhein-Post, Wochenblatt der Rheinzeitung, 1. Juni 1962

Walter Webers Tätigkeit für den Main-Taunus-Kreis wurde durch eine schwere Erkrankung stark begrenzt. Nach dem 2. April 1946 erlitt er im Alter von 59 Jahren kurz hintereinander zwei Schlaganfälle und wurde dadurch halbseitig gelähmt. Er blieb dadurch für lange Zeit dienstunfähig. Sein Vertreter Heinrich Weiss musste die Leitung des Landratsamtes übernehmen. Er kandidierte zur gleichen Zeit als Spitzenkandidat der SPD für den neuen Kreistag. Bei dieser Wahl am 28. April 1946 errang aber die CDU mit 49,4 % der Stimmen fast die absolute Mehrheit. Da damals ein Quorum von 15 % galt, konnten KPD und LDP nicht in den Kreistag einziehen. Dadurch bekam die CDU 18 von 31 Sitzen, die SPD 13 und die CDU die absolute Mehrheit der Sitze. Bei der konstituierenden Sitzung des Kreistages am 19. Juni 1946 wurde deshalb ihr Kandidat gewählt, Dr. Josef Wagenbach (CDU), damals Landrat des Kreises Gießen. Zweifellos wäre auch Dr. Walter Weber für die CDU ein guter Kandidat gewesen. Er war der amtierende Landrat des Main-Taunus-Kreises, in der Zeit der Weimarer Republik Mitglied der Zentrumspartei, Verwaltungsjurist mit langer Erfahrung in der Kommunalpolitik und erprobt in der Krisenbewältigung der Nachkriegszeit der beiden Weltkriege. Ohne seine schwere Erkrankung wäre Walter Weber sehr wahrscheinlich noch länger Landrat des Main-Taunus-Kreises geblieben. Er blieb noch 20 Jahre bis zu seinem Tod am 25. Mai 1966 in Hofheim.

Eine späte Ehrung erfuhr Walter Weber durch die Stadt Oberlahnstein, in der er 13 Jahre Bürgermeister war: Wegen seiner Verdienste um die Stadt wurde er am 28. März 1962 durch den Rat der Stadt zum Ehrenbürger ernannt. Bei einer Festveranstaltung der Stadt am 30. Mai 1962 erhielt er den Ehrenbürgerbrief aus der Hand des damaligen Bürgermeister Johannes Schoof, der die Festansprache hielt. Im folgenden Jahr wurde als dauerhafte Ehrung in der Innenstadt von Oberlahnstein eine Straße in „Dr. Weber-Stra8e” umbenannt.

Danksagung: Herrn Bernd Geil vom Stadtarchiv Lahnstein danke ich für seine Unterstützung.

Archivalische Quellen
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW) Abt. 425, Nr. 2884. Abt. 656, Nr. 736, 1674. Abt. 518, Nr. 20538.

Internet-Quellen
https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Brunnträger
https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Weber_(Politiker_1886)
https: / /de.wikipedia.org/wiki/Gemeindeordnungen_in_Deutschland#Entwicklung_in_den_
westlichen_Besatzungszonen_und_der_Bundesrepublik_von_1945_bis_1990

Quellen
“Bund Deutscher Pfadfinder (BDP/BD): ...als wenn nichts gewesen wäre. Fragen an Zeitzeugen zu ihrem Leben im Faschismus. Dokumente aus Bad Soden, Schwalbach und Hofheim. 2. erwt. Aufl., Schwalbach, 1987.
Kreisausschuss des Main-Taunus-Kreises (Hrsg.): Flucht und Vertreibung. Aufnahme und Eingliederung der Vertriebenen im Main-Taunus-Kreis. Dokumentation. Hofheim a. T., 1990.
Luschberger, Franz: Die französische Besatzung 1918 - 1930. Eine historische Dokumentation. Hochheim a. M., 2001.
Reuschling, Dieter: 85 Jahre SPD-Fraktion im Main-Taunus-Kreis 1928 — 2013. Hofheim a. T., 2014.
Reuschling, Dieter: Oskar Meyrer - Hofheims Bürgermeister während der Weimarer Republik und während der NS-Diktatur. Zwischen Main und Taunus. Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises 2016. Hofheim am Taunus, 2015, Seite 51-61.
Weber, Walter: Anregung zu einer neuen Kreisordnung. Referat, gehalten anlässlich der Konferenz der Landräte am 19. 12. 1945. HHStAW Abt. 425, Nr. 2884.
Weber, Walter: Zur Geschichte der Stadt Oberlahnstein in der Zeit von 1920 - 1933. Unveröffentlichtes Manuskript. Hofheim, 1962.

Presse
Mitteilungen der Stadtverwaltung Hofheim am Taunus, Herausgeber der Bürgermeister. September 1945 - 1946.
Main-Taunus-Anzeiger, Amtliches Kreisblatt für den Main-Taunus-Kreis. April 1946 — 1949, Frankfurt a. M.-Höchst.
Rhein-Post, Wochenblatt der Rhein-Zeitung: 31. 3. 1962, 1. 6. 1962, 14. 10. 1965.
Pressemitteilung der Stadt Lahnstein vom 30. 5. 2016 zum 50. Todestag von Dr. Walter Weber.


Der Bericht wurde in „Zwischen Main und Taunus – Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises, 2021, 29. Jahrgang, Seite 11-17“ veröffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung des Main-Taunus-Kreises und des zwischenzeitlich verstorbenen Autors erfolgt diese Präsentation.




Bearbeitung: Historischer Arbeitskreis Hofheim (Wilfried Wohmann)




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