Historisches Hofheim am Taunus
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Hofheimer Personen

 


Marta Hoepffner, 1943 - Bildquelle: Wikipedia

Marta Hoepffner


Fotokünstlerin

*4. Januar 1912 in Pirmasens
+3. April 2000 in Lindenberg


Am 4. Januar 1912 wurde Marta Hoepffner in Pirmasens/Pfalz geboren. Gemeinsam mit der zwei Jahre älteren Schwester Madeleine (1910 – 1988) wuchs sie in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf. Vater Karl war Inhaber einer Schuhgroßhandlung, Mutter Martha (geb. Gronen) betrieb bis zur Heirat eine Hutwerkstatt. Im Hause wurden Musikabende und Lesungen veranstaltet. Das verwandtschaftliche Verhältnis zu Hugo Ball (Mitbegründer des Dadaismus) prägte das Kunstinteresse der Mutter – vor allem für avantgardistische Kunstströmungen. Schon früh erkannte sie die zeichnerische und malerische Begabung ihrer jüngeren Tochter Marta. Nach der Volksschule besuchte diese das Lyzeum in Pirmasens und entwickelte bald eine Vorliebe für naturwissenschaftliche Fächer, verfolgte aber weiterhin zu Hause ihre künstlerischen Ambitionen.

1927 zog die Familie nach Frankfurt. Infolge der Inflation musste das elterliche Geschäft aufgegeben werden. Der Vater übernahm die Vertretung für Salamander-Schuhe. Die älteste Tochter Madeleine chauffierte ihn zu seinen Geschäftsterminen. Damals war sie ist wahrscheinlich eine der jüngsten Führerschein-Inhaberinnen Frankfurts. Marta übernahm die Büroarbeiten und fertigte Schuhentwürfe. Ab 1929 besuchte sie die Kunstgewerbeschule in Offenbach. Es entstanden Naturstudien, Figuren, Portraits und Tierdarstellungen. Noch im gleichen Jahr bis 1933 begann sie ein Studium der Malerei, Grafik und Fotografie in der Frankfurter Kunstschule (heute als Städel-Schule bekannt) bei Prof. Willi Baumeister. Dieser wurde in seinen Klassen von dem jungen Maler Günter Ihlefeldt unterstützt. Hier lernte Marta Hoepffner ihn und später auch Friedel Dehnhardt kennen.  Es entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft zwischen den Schwestern Marta und Madeleine sowie Friedel und Günter (der beiden Heirat 1942). Marta Hoepffner wurde Mitglied des Bundes „Das neue Frankfurt“ und schloss in dieser Zeit ebenfalls Freundschaft mit Ella Bergmann-Michel.

1933 setzen die Nationalsozialisten die Verbannung und das Verbot der modernen Kunst durch. Baumeister wurde seine Dozentur entzogen. Marta Hoepffner verlies die Frankfurter Kunstschule. Ein Jahr später eröffnete sie unterstützt von Madeleine die „Werkstätte für künstlerische Fotoaufnahmen“ in der Paul-Ehrlich-Straße 32 in Frankfurt am Main. Neben der üblichen Portraitfotografien widmet sie sich ersten fotografischen Experimenten.
Beispiel "Fotografieren ohne Kamera": Hellfeld - Foto: Privat



Beispiel "Fotografieren ohne Kamera": Dunkelfeld - Foto: Privat


1937 erhielt sie ohne Lehre und Gesellenprüfung die Ausnahmezulassung zur Meisterprüfung. Moderne Kunst und Musik inspirierten sie zu abstrakten Schwarzweiß-Fotogrammen und mit selbst entworfenen Schablonen. So versuchte sie aus Gewebe und Transparentpapier ihre Formideen durch Rhythmisierung konstruktiver Elemente zu verbildlichen. Es entstanden erste kameralose Arbeiten, sog. Fotogramme.1938 erfolgte ihr Umzug in die Atelierräume in der Kaiserstraße 11 und die Eröffnung der „Werkstätte für künstlerisch Bildfotografie“.

1939 bis zur Zerstörung ihres Ateliers durch Fliegerangriffe 1944 verfolgte sie unbeirrt ihre Formideen und rhythmische Kompositionen. Sie wendete neue Techniken an wie: Solarisation, Doppelbelichtung, Überblendungen und Negativbilder. Aufgrund ihrer genauen Kenntnisse der Funktion des Silbersalzes experimentierte sie mit lichtempfindlicher Silbersalzgelantine auf einem Trägermaterial/Papier.

Fotostudio an der Ecke Hauptstraße 46/Borngasse - Bildquelle; Stadtarchiv Hofheim Best. AV Medien, Sig. C22-39 (9)
Während der Luftangriffe 1943/44 begannen die Hoepffner-Schwestern bereits mit der Auslagerung der experimentellen Arbeiten nach Hofheim am Taunus. Gemeinsam mit Vater und Mutter fanden sie Aufnahme bei den Eltern ihres Lehrlings Hilde Faust (später verh. Reinhardt/Fotostudio Reinhardt). Als ihr Atelier ausgebombt wurde zogen sie vollständig nach Hofheim und Marta Hoepffner richtete ihr Atelier provisorisch in einem Nebenraum des Gasthauses „Vier Jahreszeiten“ ein, bald darauf eröffnete sie ihr Fotostudio in der Hauptstraße 46/Ecke Borngasse. Es blieb nicht aus, dass sie auch Hanna Bekker vom Rath und die Künstler des Blauen Hauses kennenlernte. Diese wurden von ihr und später auch von ihren Fotoschülerinnen und -schülern im Rahmen von Kursaufgaben portraitiert. 1946 erschien ihr erste Veröffentlichung: die Bildmappe „Wogende Wellen, Ragende Gipfel“. 1947 folgte „Ausdruck und Gestaltung. Bilderbuch einer Fotografin“ mit einem Vorwort von Willi Baumeister.

Marta Hoepffner wurde Mitglied des Deutschen Werkbundes und 1949 berufenes Mitglied der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner (GDL).

1948 erfolgt in der Hofheimer Pestalozzischule die erste Kunstausstellung nach dem Krieg. Neben Hanna Bekker vom Rath, Friedel Schulz-Dehnhardt und Günter Schulz-Ihlefeldt (mit Bildern aus Russland, bis 1949 noch in Kriegsgefangenschaft) zeigte auch Marta Hoepffner ihre Arbeiten.


Ausstellung 1948 in der Pestalozzischule - Bildquelle: Stadtarchiv Hofheim


Fotoprivatschule in der Kapellenstraße 4 - Bildquelle: Stadtarchiv Hofheim


Neben den Portraitaufnahmen, die ihren Lebensunterhalt sicherten, widmete sie sich immer mehr der experimentellen Fotografie. Es entstanden erste Interferenzbilder in polarisiertem Licht: Fotos von doppelgelegten, durchleuchteten Geweben und flüssigen Schichten. Intensiv setzte sich Marta Hoepffner mit den künstlerischen Strömungen ihrer Zeit sowohl in der Malerei als auch in der Fotografie auseinander und veröffentlichte Artikel und Fotobeiträge in einschlägigen Fachzeitschriften: American Photography, Japan Photography, US-Camera, Camera Schweiz, focus Holland, Foto Schweden, Christian Science Monitor Boston. 1949 folgte im Frankfurter Kunstverein die erste Gesamtausstellung mit frühen Foto-Experimenten und -Kompositionen, abstrakten Formen und Fotogrammen. Die Resonanz unter den Fotografen und Fotoenthusiasten war groß und galt besonders ihren bis dahin unbekannten Aufnahme- und Labortechniken. Den Wunsch nach Weiterbildung griff sie auf und bot erste einwöchige Fachlehrgänge an. Zwangsläufig folgte gemeinsam mit ihrer Schwester Madeleine die Gründung der Fotoprivatschule Marta Hoepffner. Der Lehrplan orientierte sich an der Tradition der Frankfurter Kunstschule und der des Bauhauses (s. dazu Teil 2, Marta Hoepffner – Fotopädagogin - wird noch erstellt). Ihr Domizil hatte die Fotoschule in der Kapellenstraße 4, der sog. „Villa Werner“, ein großzügiges Haus umgeben von einem weitläufigen Garten, gegenüber dem „Blauen Haus“. Ab 1950 bis in die 1970er Jahre unternahm sie zahlreiche Reisen in ganz Europa.

1951 wurde Marta Hoepffner berufenes Mitglied der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner und beteiligte sich an Otto Steinerts erster Ausstellung „subjektive Fotografie“ der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk, Saarbrücken.

1952 erhielt die Fotoschule Besuch von den Bildredakteuren Wilson Hicks (Life) und Will Conell (US-Camera), Leiter der Fotoschule in Los Angeles. Als Vertreterin der experimentellen Fotografie war sie international bekannt.

Ihre unverwechselbare Fotografie entwickelte sie beständig weiter: Farb- Fotoexperimente, Farbfotosolarisation, Farb-Relieffotos - 1954. Schwarz-Weiß-Fotogramme in polarisiertem Licht, abstrakte informelle Bilder, gestaltete Montagen und Kristallisationen auf Fotopapier – 1955/56.

Ab 1958 entstanden nur noch kameralose Bilder und erste Farbfotogramme in polarisiertem Licht, d.h. Erzielung von Farbwirkung aus weißem Licht (Spektralfarben). Sie gestalte Collagen aus doppelbrechenden gerissenen und geschnittenen, farblosen Kunststoff-Folien in freier Anordnung auf Farbfotopapier.

Zwei Jahre zuvor (1956) wurde sie als Fotografin in den Bunde Bildender Künstler aufgenommen. Marta und Madeleine Hoepffner, bisher das Leitungsteam der Schule, nahmen 1962 Irm Schoffers – einst Meisterschülerin von Marta Hoepffner - als Teilhaberin in die Schule auf (s. dazu Teil 2).

1962 wurde Marta Hoepffner Mitbegründerin der „Freien Gruppe Hofheim-Frankfurt“. Drei Jahre später gab sie eine Mappe mit 10 abstrakten Fotogrammen (Auflage 20 Exemplare) heraus. Es folgten ab 1965 die ersten „Variochromatischen Lichtobjekte“: Durch die manuelle oder motorische Drehung einer Filterscheibe entstehen stufenweise Farbveränderungen durchleuchteter Collagen (farblose Transparenzstrukturen wie bei den Farbfotogrammen) zu den Komplementärfarben.

1966 erfolgte eine erste Ausstellung der lichtkinetischen Kunstobjekte in Berlin und Bad Homburg. Zwischen 1967 und 1969 erhielt sie Einladungen zu internationalen Kinetik-Ausstellungen.   1967 erklärte sie ihren Austritt aus der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner. 1970 wurde sie zum Mitglied des Bundes Freischaffender Fotografen berufen (BFF) und sie fand Aufnahme in das Kunstlexikon „SEIT 45 – die Kunst unserer Zeit“, Brüssel. Die Zeit der Fotoschule in Hofheim ging 1971 zu Ende. Marta und Madeleine Hoepffner sowie Irm Schoffers verlegten Schule und Wohnsitz nach Kressbronn am Bodensee. 1974 feierte man dort das 25-jährige Bestehen der Fotoschule, die dann allerdings im Mai 1975 aufgegeben wurde. 1977 fand Marta Hoepffner Aufnahme in die „Große Enzyklopädie der Malerei“ von Herder. Nach einer ersten Retrospektive ihrer Arbeiten folgten zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen. Ein schwerer persönlicher Verlust traf Marta Hoepffner als 1988 ihre Schwester Madeleine, ihre Vertraute und Teilhaberin starb.

1997 verlieh das Land Hessen Marta Hoepffner für ihr künstlerisches Lebenswerk den „Maria Sibylla Merian-Preis für bildende Künstlerinnen in Hessen 1996“. Zu Ehren der Künstlerin zeigte das Stadtmuseum Hofheim am Taunus vom 23.11.1997 bis 22.02.1998 die Ausstellung „Lichtbilder – Bilder des Lichts, Marta Hoepffner – Fotokünstlerin und Pädagogin“. 1999 erhielt sie den Staatspreis für Kunst, Sparte Fotografie, des Landes Rheinland-Pfalz.

Marta Hoepffner starb am 04.03.2000.




Die besondere Beziehung zu Hofheim

Zum Abschied schenkte Marta Hoepffner 1971 der Stadt Hofheim das großformatige Schwarz-Weiß-Foto „Kristallisation“, das einen gesicherten Platz im Aktenlager fand. Erst 1982 wurde es entdeckt und in das Stadtarchiv überführt wurde. Ab diesem Zeitpunkt fand auch der Kontakt zu der Fotokünstlerin statt. Dieser führte zum Ankauf der wichtigsten Arbeiten für die städtische Bildersammlung und schließlich nach dem Tod von Irm Schoffers zur Übernahme des Nachlasses. 2001 wurde die Marta-Hoepffner-Gesellschaft für Fotografie gegründet, die alle drei Jahre den Marta Hoepffner-Preis für Fotografie an junge Fotografinnen und Fotografen vergibt, die sich mit innovativen experimentellen Formen der Fotografie beschäftigen (nächste Verleihung 2027).



Quelle und Lesempfehlung:
Katalog zu der Ausstellung „Lichtbilder – Bilder des Lichts, Marta Hoepffner – Fotokünstlerin und Pädagogin“. Hrsg. Im Auftrag des Magistrats der Stadt Hofheim am Taunus – Kulturamt/Stadtmuseum – Eva Scheid. 1997 Stadtmuseum Hofheim am Taunus und Autoren - Mit Texten von Eva Scheid, Karin Görner, Marian Stein-Steinfeld, Roswitha Schlecker, Petra Hoffmann.

Wir danken Roswitha Schlecker für die Erstellung dieses Beitrages zu Marta Hoepffner. Er beinhaltet ihre Biografie, in einem zweiten Teil, der noch in Arbeit ist, wird sie über die Fotopädagogin Marta Hoepffner und ihre Privatfoto-Schule berichten.



Bearbeitung: Historischer Arbeitskreis Hofheim am Taunus (Wilfried Wohmann)



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